Hinter den Kulissen

Ein arbeitsreiches – und vor allem erfolgreiches! – Wochenende liegt hinter uns und die von den zahlreichen ehrenamtlichen Helfern vollbrachten Leistungen sind beeindruckend.
Vielleicht ist hier nun ein guter Moment, um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern, was in den Tagen vor einem solchen Wochenende alles so „im Hintergrund“ abläuft:

14.09.
Der Holzbauer meldet, daß er soeben die Dachelemente in der Halle in Leinefelde abgeladen hat.
Hm, eigentlich viel zu früh und anders als geplant, aber wie man in der Armee sagen würde: „Leben in der Lage!“ oder auch „Alles wird gut!“ – der über allem stehende Leitspruch unserer Baustelle.
Lage: Stroh vorhanden, aber noch nicht zertifiziert / Schilfgras als Alternative vorhanden, aber als Baustoff bisher unerprobt / Dachelemente in der befristet angemieteten Halle / bisher keine angemeldeten Helfer / Zeitfenster: 14 Tage.
Dringendste Aufgabe: Das vorhandene Stroh zertifizieren zu lassen.
Also starten wir am Nachmittag zu einem kleinen Ausflug nach Einbeck, um einen Stroh- und einen Schilfgrasballen zu besorgen, die wir an den Zertifizierer schicken können.

15.09.
Noch wähnen wir uns auf der sicheren Seite. Es kann uns ja eigentlich nichts passieren, da wir Stroh haben, das gar nicht so schlecht aussieht und für den Notfall auch noch das „Elefantenheu“ aus Schilfgras. Dementsprechend spannen wir Felix ein, sich im Selbststudium zu unserem persönlichen Schilfgrasexperten zu machen und beginnen auch auf der Burg mit eigenen Recherchen.
Da bisher noch alles im Unklaren liegt, können wir noch keinen großangelegten Helferaufruf rausschicken. Nichtsdestotrotz sind wir natürlich auf einen Kernbestand von Helfern angewiesen, wenn es denn nun plötzlich losgehen sollte. Dementsprechend lassen wir uns von den Personen, die sich auf unserer Notfallliste haben eintragen lassen, schonmal ihre Terminplanung für die nächsten Wochen mitteilen, damit wir wissen, wer definitiv abrufbereit ist.
Der Strohzertifizierer gibt zu verstehen, daß er frühestens am Dienstag bereit ist, den Weg nach Einbeck anzutreten, um unser Stroh zu zertifizieren. Vorab will er aber noch einen unserer Strohballen sehen, um zu prüfen, ob sich der Weg überhaupt lohnt. Zeitgleich hat er noch die Hiobsbotschaft für uns, daß er gerade zum ersten Mal einen Strohballen nicht zertifiziert hat. Also gehen heute noch per Expressversand unsere beiden Ballen nach Südergellersen ab.
Parallel beginnen wir nun, die ersten Notfallpläne aufzustellen, falls doch etwas schiefgehen sollte.
Dringendste Aufgabe: Falls sich der Zeitplan verschiebt, brauchen wir eine neue Halle und zwar am besten eine, die nichts kostet.
Also weitere Autofahrten in die Umgebung sowie unzählige Telefonate.

16.09.
Bisher keine Rückmeldung aus Südergellersen. Dafür melden sich Bauhelfer fürs Wochenende, die gerne mit Stroh arbeiten würden. Nach einer kurzen Überlegung, ob man einfach mit dem Einbau des Strohs beginnen und die Zertifizierung nachträglich durchführen lassen sollte, obsiegen die Notwendigkeiten: Auch bei den Betonarbeiten herrscht Termindruck und die Möglichkeit, daß wir das Stroh – im Falle der Nichtzertifizierung – wieder ausbauen müssen, würde die Einhaltung des Zeitplans völlig unmöglich machen.
Lage: Stroh und Schilfgras vorhanden, aber noch nicht zertifiziert / großangelegte Helferakquise immer noch nicht möglich, da die Situation nach wie vor unklar ist / letztmöglicher Termin für Stroharbeiten: Wochenende 24.-26.09.
Dringendste Aufgaben: Im Stillen einen Helferkernbestand für das entsprechende Wochenende anwerben, denen man ohne schlechtes Gewissen wieder absagen kann, falls alles schief geht. Ebenso muß jetzt die Organisation des Wochenendes anlaufen. Nebenbei: Notfallhalle suchen.

17.09.
Die Organisationsmaschinerie läuft an – Helfer, Transport, Logistik, Werkzeuge und vieles weitere muß organisiert werden. Am Nachmittag ein jäher Bruch: Schlechte Nachrichten aus Südergellersen – unser Stroh wird nicht zertifiziert, da der Strohguru koloniebildende Einheiten in den Ballen wittert. Auch das Schilfgras hält seinem fachmännischen Blick nicht stand, da es ja doch „eher Gras“ als Stroh ist. Doch der Mann ist nicht untätig und neben höheren Preisen hält er auch noch eine mögliche Lösung für uns parat: Bereits zertifiziertes Stroh, das in Uelzen lagert oder in Köln lagerndes Stroh aus Frankreich. Genauere Informationen frühestens Montag.
Also bisherige Planung über den Haufen werfen und von vorne anfangen, als wichtigstes: Wie transportieren wir das Stroh aus Uelzen oder Köln nach Leinefelde in die Halle? Und wer lädt es auf bzw. ab?
Dringendste Aufgabe: Jetzt erstmal raus und die Schalungsarbeiten in Angriff nehmen, damit nächste Woche betoniert werden kann!

20.09.
Das Stroh aus Uelzen ist unsere erste Wahl. Wir verlassen uns auf unser Glück und beginnen mit der Planung: Spätestens Donnerstagabend muß das Stroh in Leinefelde sein. Die ersten Verladehelfer für Uelzen sind bald organisiert, der LKW in Arbeit, fürs Abladen hier vor Ort wird die Waldjugend, die diese Woche zum Bauen da ist, verpflichtet. Für die tatsächlichen Stroharbeiten planen wir den Freitag und den Samstag – jeweils vom frühen Morgen bis in die Nacht – ein, sodaß uns der Sonntag als Puffer bleibt. Problem nach wie vor: Helferwerbung nur im Stillen möglich, um keine strohfreudig anreisenden Helfer zu enttäuschen. Zeitgleich senden wir unsere Materialeinwerber aus, denn neben Stroh brauchen wir auch Lehm.

21.09.
Die Planung nimmt langsam aber sicher Formen an: Ein Minimalbestand an benötigten Helfern ist mittlerweile beisammen, in dieser Besetzung wird es zwar hart, aber es ist schaffbar. Nebenbei müssen noch das benötigte Werkzeug beschafft und Strohnähnadeln gebastelt werden. Die Transportfrage kann heute geklärt werden und wir beginnen mit der Detailplanung: Wie transportieren wir die Leute von der Burg nach Leinefelde und zurück? Wie verpflegen wir sie? Wie organisieren wir die Arbeitsabläufe in der Halle? Diese und viele weitere Fragen müssen geklärt werden.
Am späten Nachmittag die erlösende Mitteilung aus Uelzen: Der Bauer kann das benötigte Stroh bereitstellen und Donnerstag in den frühen Morgenstunden sind unsere Verladehelfer in Uelzen gefragt.
Lage: Scheinbar sind alle Probleme gelöst: Stroh vorhanden und zertifiziert, Verladen und Transport organisiert und Minimalbestand an Helfern vorhanden. Nur der Lehm steht noch aus.
Dringendste Aufgabe: Helferakquise!
Also beginnen noch am Abend die Telefone und die Tastaturen zu glühen…

22.09.
Schlumpf schickt auch noch einen – von uns vor lauter Planung vergessenen – Hilferuf über den Blog in die Welt. Während sich nach und nach immer mehr Helfer melden, versuchen wir unsere Planung stets auf dem Laufenden zu halten: Jeder Autofahrer, der sich anmeldet, wird direkt als Transportmöglichkeit erfasst und ihm mögliche Ladung (Personen, Verpflegung, Werkzeug, etc.) zugeteilt, die Küche wird von Katja schonend auf die vor ihr liegenden Aufgaben vorbereitet und wir müssen engen Kontakt zur Burg halten, die es trotz Vollbelegung vollbringen muß, auch noch unseren Bauhelfern Schlafplätze zur Verfügung zu stellen. Bisher verläuft alles reibungslos – auch die Betonarbeiten am frühen Morgen können erfolgreich und vor allem termingerecht abgeschlossen werden, sodaß wir unsere ganze Energie nun dem Stroh zuwenden können. Die großen Lehmfirmen sind in der Kürze der Zeit nicht zu größeren Spenden zu bewegen (aber die holen wir uns später, haha!), also nehmen wir die kleineren Firmen im Umland in Angriff und erhalten auch schnell die ersten verlockenden Angebote. Doch es bleibt ja noch ein Tag bis Freitag, da muß man ja nicht das erstbeste Angebot annehmen. Der Zeitplan für die nächsten drei Tage steht, vom Abladen des Strohs am Donnerstagabend bis zur angestrebten Fertigstellung Samstagnacht.
Lage: Alle Probleme gelöst, es kann nichts mehr schiefgehen. Oder doch?
Neues Problem: Um 21 Uhr erreicht uns die Nachricht, daß das Stroh nicht reichen wird, wir bekommen vorerst nur 90m³. Aber das Problem lösen wir nicht mehr heute abend.

23.09.
Dringendstes Problem: Mehr Stroh! Ein wenig zähneknirschend sichert uns der Bauer zu, bis Freitagnachmittag die fehlenden 30m³ Stroh nachzupressen.
Neues Problem: Ein weiterer LKW muß organisiert werden. Und ein Fahrer. Und neue Verladehelfer. Also wieder telefonieren.
Neues Problem: Der erste LKW ist zwar mittlerweile in Uelzen beladen worden, doch der Fahrer hat seine Stehzeiten zu erfüllen und wird heute nicht mehr den Weg nach Leinefelde antreten. Also wieder umplanen!
Der Rest des Tages vergeht mit Organisation und Planung und um 0.30 Uhr sieht die Lage folgendermaßen aus:

  • LKW Nr. 1 trifft um 7 Uhr morgens in der Halle ein
  • Vorauskommando zum Abladen und zur ersten Einarbeitung ist zusammengestellt
  • LKW Nr. 2 verläßt um 14 Uhr den Ludwigstein, gefahren von Alex, und wird voraussichtlich gegen Mitternacht mit dem restlichen Stroh in der Halle eintreffen
  • Verladehelfer sind organisiert
  • Sowohl für Freitag als auch für Samstag sind jeweils über 20 Bauhelfern angeworben
  • Verpflegung und Transport der Bauhelfer sind sichergestellt
  • Werkzeug, etc. ist besorgt und bereits in die Autos verladen
  • Lehm und eine Lehmmischmaschine sind für Samstagmorgen organisiert, Holz- und Lehmbau Wanderer aus Witzenhausen hat uns mit einer großzügigen Spende und einem fairen Preis sehr unter die Arme gegriffen, wofür wir ihm ein großes „Dankeschön“ aussprechen
  • Lehmtransport ist sichergestellt
  • Schlafplätze für die Bauhelfer sind sichergestellt
  • Da aufgrund der Vollbelegung auch kein Raum für eine Feierabendsingerunde zur Verfügung steht, haben wir den Kartoffelkeller soweit hergerichtet, daß wir uns dort wohlfühlen können.

So, jetzt noch schnell ein paar wenige Stunden Schlaf einlegen, denn um 5 Uhr klingelt der Wecker für das Vorauskommando…

tuedel

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3 comments so far

  1. Gerhild on

    Liebe Leute,
    ich glaube Euch, daß die Aktion des vergangenen Wochenendes etwas ganz Besonderes für Euch alle war!
    Und eben weil ich das glaube bzw. davon überzeugt bin, ist es ohnehin schon so schwer zu ertragen, daß ich an diesem erhebenden Ereignis keinerlei Anteil hatte, außer ein paar Telefontasten zu drücken. Keinen einzigen Strohhalm habe ich berührt! Und Ihr alle dürft Euch die Helden des Enno-Narten-Baus nennen!
    Das war nun bereits der sechste Blogeintrag zu diesem verlängerten Strohwochenende, und ich bitte Euch sehr herzlich, es damit nun endlich gut sein zu lassen – aus menschlichem Mitgefühl mit allen Nichthelden, Nichthelfern, Nurbetonierern etc.
    Danke!

  2. Schlumpf on

    Ach Gerhild, ich war auch nicht dabei und könnte noch 20 weitere Artikel darüber lesen 🙂
    aber vielleicht passiert ja auch wieder was neues – demnächst! Außerdem bist du doch zur besten Strohzeit wieder auf der Burg!
    Und warte nur ab, wenn die Strohhalme in der Unterwäsche pieksen und die Nase voll staub ist, wirst du dich noch nach deinem Beton zurücksehnen 😉

  3. Eva on

    lauter Gründe zum Feiern…….


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