„Jugendbewegte Bauhüttenpädagogik“ oder „Impressionen einer Nachtbaustelle“

Seit einigen Tagen kursiert auf der Baustelle der von Stephan aufgebrachte Ausdruck „jugendbewegte Bauhüttenpädagogik“, wobei eigentlich keiner weiß, was das eigentlich sein soll. Wenn auch vielleicht von Pädagogik wenig spürbar war, hat doch das vergangene Wochenende zumindest gezeigt, was „jugendbewegt“ und „Bauhütte“ heißen kann:
Die auch auf unseren Fahrten häufig erfahrbare Verbindung zwischen eigenem Willen – die persönliche und völlig freie Entscheidung „Gehe ich einen Schritt weiter oder bleibe ich zurück?“ – und die darauf folgende gemeinsame Leistung der Weitergehenden ist ein zentraler Bestandteil unserer Gruppenbildungsprozesse – und er ist weder durch Gruppenzwang noch durch pädagogische Konzepte ersetzbar. Die Nachtbaustelle am vergangenen Samstag kann dies vielleicht verdeutlichen:
Nach und nach lichten sich die Reihen der Bauhelfer in der Leinefelder Halle. Die Gruppen, die mit Jüngeren angereist sind, treffen die einzig richtige Entscheidung: Nach 10 Stunden Arbeit gehören unsere Pimpfe in ihr wohlverdientes Bett. Auch bei den Älteren schwinden die Kräfte, manch einer hat sich schon ein gemütliches Plätzchen im Stroh gesucht und schnarcht selig vor sich hin. Ja, auch hinter ihnen liegen mittlerweile 12, 13 oder noch mehr Stunden Arbeit und viele waren auch bereits am Freitag mit von der Partie. Es scheint so, als müßten wir um 20 Uhr für heute aufgeben.
Doch plötzlich – unabgesprochen, aus eigener Erkenntnis und eigenem Willen – werden Stimmen laut: „Ich bleibe!“ oder auch: „Ich schaufel nicht mehr! Aber Fertigmachen tun wir heute schon noch!“. So finden sich 6 Wackere zusammen, die gemeinsam in dieser Nacht die Dachelemente fertigstellen werden – unsere Beteuerungen „Wir machen erstmal bis 22 Uhr und dann sehen wir weiter.“ bzw. „Wir machen nur so lang, wie wir Lust haben.“ sind nichts als heiße Luft. Von dieser Gruppe wird niemand gehen bevor nicht das letzte Element fertig ist. Schnell wird ein Schlachtplan aufgestellt, die Arbeitsabläufe müssen möglichst effektiv sein, denn schließlich muß Wasser herangeholt und Lehm geschaufelt, ausgebracht und verteilt werden. Gegen 22 Uhr trifft auch Alex, unser LKW-Fahrer, mit der letzten Fuhre Lehm für heute ein. Eigentlich wollte er bereits seit Mittag zuhause sein und hat am nächsten Morgen wichtige Termine, aber man sieht seinem Gesicht an, daß er eigentlich lieber bei uns bliebe, als jetzt der Vernunft zu folgen und den Heimweg anzutreten.
Für uns andere vergeht Stunde um Stunde – Schaufel um Schaufel wandert der Lehm in die Mischmaschine (ja, auch Matti schaufelt schon längst wieder!) und Element um Element wird fertiggestellt. Auch wir sind erschöpft – oder schon weit darüber hinaus. Unsere Versuche, Benne zu einer Pause zu bewegen, werden mit dem Kommentar „Wenn ich jetzt aufhöre, falle ich um“ abgewiesen. Erst kurz vor Ende gelingt es uns, ihn mit einem hinterlistigen Trick doch zu einer Pause zu zwingen und ihn danach für eine halbe Stunde ins wohlverdiente Stroh zu legen.
Um ca. 3 Uhr morgens ist es dann endlich geschafft: Alle Elemente sind mit Stroh gestopft und mit einer Lehmschlämme versehen und eine weitere Stunde später sind unsere Werkzeuge und Maschinen gereinigt und wir können endlich zum verdienten Feierabend auf den Ludwigstein zurückkehren.
In dieser Nacht ist wahrlich – fernab von jeder Pädagogik – eine Gruppe entstanden. Für uns alle 6 wird diese Nachtbaustelle mit Sicherheit unvergeßlich sein und das tolle Gefühl „etwas vollbracht zu haben“ wird uns noch lange begleiten. Mir jedenfalls war es eine Ehre, mit Euch zusammenzuarbeiten.
Es grüßt Euch und alle anderen

tuedel

P.S. Ich glaube, hier ist es angemessen, aus der Summe der vielen beeindruckenden Leistungen, die an diesem Wochenende vollbracht wurden, einige herauszuheben – und ich denke, daß mir bei der Auswahl niemand widersprechen wird:
Ohne unseren kurzfristig eingesprungenen LKW-Fahrer Alex wären wir an diesem Wochenende aufgeschmissen gewesen. Nachdem er am Freitag bereits 10,5 Stunden im LKW verbracht hat – nur kurz durch das Aufladen des Strohs unterbrochen – hat er uns auch am Samstag den Lehmnachschub sichergestellt und auch bei den Arbeiten in der Halle ordentlich mit zugepackt. Vielen Dank dafür!
Eine unmenschliche Leistung hat auch Benne vollbracht: Mit der bloßen Kraft seiner Arme hat er am Samstag mindestens 5 Tonnen Lehm in den Mischer bewegt – das dazugehörige Wasser nicht mitgezählt – und bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet. Lob und Anerkennung in verschärfter Form!
Ach, bevor wir es vergessen: Auf welcher Baustelle kann man es sonst noch erleben, daß die Architektin/Bauleitung an 2 Arbeitstagen 36,5 Ehrenamtsstunden ableistet und damit die Liste deutlich anführt?

zu den >>>Fotos<<<

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