Enno-Narten-Bau aus der Sicht eines Kölner Sportstudenten

Ich stelle mich rasch allen Lesern vor: Mein Name ist Jonathan Ries, wohnhaft in Köln direkt am stolzen Vater Rhein! Dort studiere ich im legendären 13. Semester Sportwissenschaften und befinde mich auf meiner ersten empirischen Wanderreise.

Freitag 01. Oktober 2010

Ich bin schon 51 Tage unterwegs. An der Antlantikküste, von meiner lieben Mutter Marie-Noelle Ries-Prévot aus ging es am 12. August los. Sie wohnt in dem kleinen Orte Ligondras, bei Arsac im Médoc, dem Weinanbaugebiet von Bordeaux. Chateau Margeaux liegt direkt nebenan. Ist zwar in mancherlei Augen einer der besten Weine der Welt, ich persönlich finde ihn allerdings scheiße, ist halt Alkohol drin.
Alles ist gepackt, ca. ein halbes Jahr Planung steckt in der Reise, denn sie stellt ebenfalls den praktischen Teil meiner Diplomarbeit dar. Ich habe vor, den Freizeitsport in deutschen und französischen Jugendherbergen zu untersuchen. Mein Ziel ist, Entwicklungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen besuchten FUAJ- und DJH-Jugendherbergen (französische und deutsche Jugendherbergsdachverbände) zu dokumentieren. Ich machte mir im vorhinein zwar noch nicht ganz klar, wieviel Arbeit das ist, doch einfach mal tapfer drauf los gestapft. Meine Mutter fährt mich zur Fähre von „Pointe de Grave“ nach „Royan“, wo es über den riesigen „Estuaire“ (das ist Französisch (-:) der Gironde geht. Er gehört zu den wertvollen Orten auf unserer schönen Mutter Erde, wo sich Salzwasser und Süßwasser begegnen. Von Royan geht es nun von Jugendherberge zu Jugenherberge, zunächst erstmal entlang meiner selbstgewählten französischen Route, von AJ (Auberge de Jeunesse) Saintes, nach AJ Rochefort-sur-Mer, AJ La Rochelle, AJ Fontenay le Compte, AJ Poitiers, AJ Tours, über AJ Boissy la Rivière (übrigens französische Mutterjugendherberge), nach AJ Troyes Rosière (ganz in der Nähe des Klosters von Bernard de Clairveaux), über AJ Chalons-en-Champagne, über AJ Verdun (mit seinem Weltzentrum des Friedens), nach AJ St. Mihiel an dem Flusse Meuse (Französisch ausgesprochen: Möse! Kein Scherz, die Meuse ist ein berüchtigter und schöner französischer Fluss), über AJ Chateau de Rémicourt Nancy, bis nach AJ St. Die des Vosges. Dort mache ich Anfang September erstmal eine Woche Rast bei meinem Onkel, der in den Vogesen wohnt. Soweit erstmal für den französischen Teil meiner Reise.
Darauf folgt nun der deutsche Teil meiner Reise, von JH Breisach am Rhein, nach JH Freiburg, über JH Schloss Ortenberg, nach JH Pforzheim Dillweißenstein, JH Stuttgart International, JH Mosbach-Neckarelz, JH Burg Rothenfels am Main, JH „Heiligenhof“ Bad Kissingen, JH „Luther&Bachstadt“ Eisenach, JH „Urwald Life Camp“ Lauterbach und JH Eschwege, bis ich nun langsam aber sicher in den magischen Umkreis der Burg Ludwigstein gerate. Ich habe mir vorgenommen, die ca. 65 Kilometer von Mihla bis Ludwigstein entlang des schönen Werraradweges zu wandern und teils wild zu übernachten. Ca. 23 Kilometer schaff ich am Tag. Eine durchschnittliche bis geringe Wanderleistung, aber ich bin frohen Mutes. Und ein voller 60l-Rucksack will ja erstmal so weit geschleppt werden. Mein Wille wird da schon auf die Probe gestellt.
Wie ich so den Strom entlangwandere höre ich ständig Bussarde ihre schrillen Töne ins Werratal rufen. Sie kreisen unentwegt über meinem Kopf. Plötzlich habe ich das Gefühl, ich kann ihren Geist spüren und bewusst mit ihnen kommunizieren. Krass, das geht ja voll ab! Ich denke, das sind die Geheimnisse der Falkner. Ich spüre ihren Geist. Er ist scharf, doch instinktiv, halt aufs Wesentliche beschränkt. Ich Pfeife ihnen meinen Pfiff zu, und versuche in die Schallwelle meines Pfiffes einen Gruß zu basteln. Die Natur ist schön. Dann schweifen meine Gedanken wieder zum Ludwigsteinus Maximus…
Ich komme in Lindewerra an, erklimme einen Hang und bahne mir mit Karte und Kompass meinen Weg durch die Botanik. Meine Marschkompasszahl richtet sich auf das Wandervogelmekka.

Bei der alten Eisenbahnbrücke, nahe Werleshausen, von der man auf den Ludwigstein eine hervorragende Sicht hat, packt mich vor Freude jäh die Muse beim Schopfe. Uke Walalaika Wandajista (der Name meiner Ukulele) schwirrt wie von selbst aus ihrer Uketäsch (so etwas wie ein Gitarrenkoffer). Ich jumpe auf den Brückenpfeiler, um eine unmittelbarere Kommunikation mit der Burg Ludwigstein aufnehmen zu können und rufe ihr, für mich zum ersten Mal, einige freudige Grußlieder aus Uke Walalaika Wandajistas Standardrepertoire zu. Anschließend ziehe ich mir meine Fußschellen an und erklimme singend und tanzend die Burg, wie sich das halt gehört für diese würdevolle Burg, denke ich mir.
Der Metallene Wandervogel überm Holzschild grüßt mit geschichtlichen Meilensteinen am Fuße der Burg, begeistert sauge ich etwas davon in mich auf. Ich fühle mich wie ein Wissensschwamm. Warscheinlich werde ich mich wieder etwas auswringen müssen, wenn ich die Burg zu meinem nächsten Etappenziel wieder verlassen muss. Weiter ziehe ich den Berg hinan, klingelnd rasselnd , singend, vorbei an den Kriegsgräbern, die in meiner pazifistischen Seele etwas Trauer aufkommen lassen. Eine kurze Gedenkpause, gestaltet durch ein altes Kosakenlied folgt diesem spontanen Gefühl, weiter geht’s vorbei an der jungen Paaschelinde, die, nach sorgfältiger Lektüre ihrer tragischen Geschichte ein ähnliches Gefühl in mir wieder hochbeschwört wie bei den Kriegsgefallenen. Hier hat der Krieg gerade die falschen erwischt denke ich mir.
Mein Plan war ursprüglich, als ich das Wandervogelmekka als eines meiner würdigsten Etappenziele wählte, mir das Archiv anzuschauen. Doch wie ich den Berg erklimme, sitzt ein nettes Burgfräulein in Jeans und Bauarbeiterschuhen am Wegrande und sagt, das Archiv wäre zu. Heut ist Samstag. Mein Planunggeschick reichte nicht aus, um geregelte Öffnungszeiten in meine Reise einzukalkulieren. So sagte das Burgfräulein im gleichen Atemzuge in gewisser Weise, es wäre derzeit der Enno-Narten-Bau am Start. Ich denke mir nur, wer zum Teufel ist bloß Enno Narten und was, beim heiligen Strohsack wird bloß hier gebaut? Entspannt fährt das nette Burgfräulein fort, dieser Bau suche nette singende Bauhelfer aus der Ferne…

Samstag 02.10.2010
Eine Nacht zahlte ich noch Gasthalbpension für Zimmer 409, doch dann stand ich am nächsten Tage auf dem Bau unter Ingenieur Gunthards Anweisung. Zack, Boum! So schnell ging das, dafür halt Kost und Logis frei. Adieu Archiv, Servus Bau! Deshalb heißt dieser Blog auch Enno-Narten-Bau-Blog.
Hart, aber herzlich war nun 8 Uhr Frühstück, 9 Uhr Enno-Narten-Bau angesagt. Herrlich, endlich was zum Anpacken! Das Wetter ist erfeulicherweise bedeckt bis regnerisch,was meine professionelle Baukleidung, die man auf Wanderschaft i.d.R. standardmäßig dabei haben sollte, natürlich durch hervorragende Nässe unter Beweis stellt und die molligen Temperaturen von ca. 10° versprechen gute Stimmung. Zum Glück konnte ich mir die der aktuellen Mode entsprechenden Burggummistiefel in meiner Größe noch gerade erkämpfen. Der Betonstahl des Bodens eines Bauabschnittes muss verlegt werden, dieser muss natürlich auf einer Art Kieselbett (ich entschuldige mich jetzt schon für mein laienhaftes Bauvokabular) schwimmen, was durch Plastiklatten gewährleistet wird. Diese müssen auf einer Plane aufliegen, die durch zurechtgeschnittene Ziegelsteine gestaltet werden, damit stapelweise Stahlgewirr in eine waagerechte Fläche verwandelt werden kann. Klar, kein Problem, mache ich täglich vorm Frühstück. Ingenieur Gunthard weist entspannt auf einen Haufen Bauschutt unter ruhigen Lindenbäumen hin, der dafür herhalten soll. Mmmhh! Mein treues Latherman-Taschenmesser wird die wohl nicht maßgerecht bekommen. Mit meiner tonnenschweren Schubkarre wühle ich mich instinktiv durch den Schlamm zu einem ohrenbetäubenden Gekreische hin, dort steht auch schon ein beeindruckender alter Mann mit weißen Haaren und mystischer Aura, der mir Pfannenkuchendicke Ziegelsteine in die Hand drückt. Daneben steht ein dürrerer Kerl, der sich lächelnd roten Ziegelstaub und Regenwasser aus dem Gesicht wischt und eine überdimensionale Kreissäge genüsslich in den Ziegel kurbelt. Herzlich willkommen im dritten Ring von Ludwigsteinus Maximus!
Begeistert gebe ich mich der Schlammschlacht hin und fahre Bauschutt hin und her. Zurechtgeschnittenes Material wird sofort von Ente, Schlumpf & Co. freudig entgegengenommen und verbaut. 16 Uhr Tee&Kaffepause. Es wird lecker gedeckter Apfelkuchen serviert.Die Küche hat hier wohl einen kulinarischen dreifachen Salto geschlagen. Ein Traum. Da stürmen plötzlich junge Weltenbummlerpfadfinder das Baustellengelände, sie hätten sich den Zeitpunkt der Kaffepause ausgesucht, um tapfer ins Baugeschehen einzusteigen. Ganz cool wird der Kuchen von der Bauleitung an die hungrige Jugend verteilt. Ich ziehe mir lecker Rudolfquell-Sprudelwasser rein.
Mit diesem bunten Treiben neigt sich der Abend, 18.30 Uhr gibt es allerdings herzhaftes Abendbrot für alle Arbeiter. Die Torklause hat ca. dieselbe Temperatur wie der herrliche Ludwigsteiner Herbsttag, was sich zum Trocknen meiner Wäsche natürlich eignet. Doch alle Mühe wird durch einen der schönsten Liederabende, die ich trotz eigener Musikaffinität erleben durfte, belohnt. Am Kaminfeuer wird unter Gunthards musikalischer Leitung aus dem Wandervogelrepertoire gesungen, mit Texten, die mich in ihrer Tragweihte und Tiefe quasi vom Hocker wehen. Gute Nacht.

Jonathan

zu den >>>Fotos<<<

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2 comments so far

  1. Thomas on

    Hallo Jonathan,

    wir sind zufällig auf deinen Eintrag gestoßen und hätten eine Idee, deine Reise auch auf Österreich auszudehnen. Bitte melde dich unter thomas.fetter@jufa.at und ich kann dir nähere Details zukommen lassen.
    Danke und weiterhin gute Reise!
    Thomas

  2. Gerhild on

    Hallo, Jo!

    Dein Bericht hat mir viele heitere Momente beschert! Daher erwarte ich mit Ungeduld den nächsten über die Tage nach Deiner „ersten Zeit auf der Burg“ 😉 …

    Allen, die sich an diesen enorm langen Text nicht herangewagt haben, kann ich nur empfehlen, ihn zu lesen. Ich habe es jedenfalls nicht bereut! Um genau zu sein: Ich habe mich etliche Male schlappgelacht – aber vielleicht muß man dafür den Schreiber kennen.:-)

    Hoffentlich habt Ihr alle weiterhin so viel Spaß auf der Baustelle! Ich freue mich schon aufs nächste Mal!

    Gerhild


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