Kleiner Steinmetzkurs für Katja

Endlich mal wieder bauen! Zuerst gibt es eine Baustellenführung. Was sich alles getan hat in letzter Zeit! Ich staune. Meike erklärt, was gerade dran ist. Nämlich Steine holen oder Steine klopfen. Ich bin irritiert. Eigentlich hätten vor dem Enno Betonpflastersteine verlegt werden sollen (in meiner „Dienstzeit“ hatte ich Angebote dafür einholen dürfen), aber das wird doch zu teuer. Außerdem gibt es so viele Sandsteinblöcke über den ganzen Burgberg verteilt. Rot und manchmal grün. Regional! Man muss sie nur einsammeln. Und schließlich sind gerade drei Steinmetzgesellen auf der Burg, um die Fundstücke fachgerecht in die gewünschte Form zu bringen. Besser geht es doch gar nicht! Behauene Sandsteine sind ja viel schöner als Beton. Und nicht nur das Pflaster machen sie, auch die Verkleidung der gemauerten Kochstellen in der Sommerküche. Ich bin begeistert. Und ich will Steine klopfen. Das mit dem Sammeln sieht mir zu anstrengend aus.
Hochmotiviert stapfe ich zu dem grünen Zelt an der Westseite des Enno und sage zu einem der Gesellen: „Kolja, du bist heute mein Chef.“ Sofort bekomme ich einen Hammer in die Hand gedrückt, einen Stockhammer. Auf dem Palettenstapel liegt ein roter Sandstein, Kolja zeigt mir, was ich machen soll und los geht’s. Die Schlagfläche des Stockhammers hat kleine Zähnchen, die ihre Spuren in der Steinoberfläche hinterlassen. Man muss draufhauen und dabei ein bisschen ziehen oder auch schieben. Nach einer halben Stunde tut mir der Arm weh. Nichts mehr gewohnt, das Mauern mit den Zwanzigkilosteinen ist schon eine Weile her…
Nächster Stein: der ist zu dick und muss quer halbiert werden. Da nimmt man ein Sprengeisen, setzt es an und haut mit dem Fäustel drauf. Und immer neu ansetzen. Draufhauen. Ansetzen. Draufhauen. Wie lange soll das denn bitte so gehen?! Thomas grinst schon und sagt im schönsten Sächsisch: „Pass mal auf, wenn er das macht.“ Kolja nimmt das Werkzeug, ping ping ping, zack, liegt der Stein in zwei Hälften da. Ein leiser Bewunderungsseufzer entringt sich meiner Brust.
Der Stein hat eine Beule, eine Bosse. Die soll weggespitzt werden, weil es ja ein Pflasterstein wird, über den man nicht stolpern will. Dazu nimmt man ein Spitzeisen und treibt es mit dem Fäustel in Bahnen durch den Stein (welcher sich meinen ersten Versuchen natürlich hartnäckig widersetzt). Und immer neu ansetzten. Bei den Gesellen sieht das so leicht aus. Wie da die Steinsplitter davonfliegen! Inzwischen tun mir beide Arme weh.
Dann kommen wir zum Zahneisen. Da darf man nicht mit dem Fäustel draufhauen, sondern man nimmt einen Knüpfel. Der hat einen zylinderförmigen Kopf aus Holz. Ansetzen. Draufhauen. Ansetzen. Draufhauen. Wie gut das mit einem Mal klappt! Jetzt fliegen auch bei mir die Steinsplitter. Aber anstrengend ist es! In immer kürzeren Abständen muss ich die Hände ausschütteln. Inzwischen habe ich Arbeitshandschuhe an, und das ist auch gut so. Man haut nämlich hin und wieder daneben und trifft die eigenen Finger anstelle des Werkzeugs. Das gibt dann einen Strich auf der Liste.
Nach der Kaffeepause (warum lässt sich die Tasse so schwer heben?) mache ich meinen letzten Stein fertig und verkrümele mich unter die heiße Dusche (warum tut es im Unterarm weh, das Duschgel aus dem Fläschchen zu drücken?). In meiner rechten Handinnenfläche entdecke ich zwei Blasen. Auf der Linken zeichnet sich ein blauer Fleck ab. Was habe ich doch heute für interessante Sachen gelernt!
Ein spontanes Tischfußballturnier und heiße Rindersuppe mit Schmalzbrot bilden die Überleitung zum Abendprogramm. Keine Frage: wir wollen singen. Aber wo? In allen Räumen halten sich Arbeitsgruppen von Gästen auf. Schließlich landen wir im Burgbüro, wo es mit flachgelegtem Flachbildschirm und Kerzenbeleuchtung unerwartet gemütlich wird. Gibt es noch Orte auf der Burg, an denen wir noch nicht gesungen hätten? Schließlich lockt doch die Aussicht auf ein Feuer im nun freigewordenen Kaminzimmer, wo es einige bei Tee und Keksen bis weit nach Mitternacht aushalten.
Der Sonntag hält strahlenden Sonnenschein bereit. Viel zu schade zum Heimfahren. Aber gut geeignet, um auf das Dach des Enno zu klettern, wo sich die Bauleitung aufhält. Es wäre zu einfach und zuviel verlangt, zum Verabschieden zu warten, bis sie runterkommen.
Nur noch eine Woche, dann kann ich wiederkommen, wenngleich zum Singen und nicht zum Steineklopfen…

Katja

zu den >>>Fotos<<<

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3 comments so far

  1. eva on

    Es war schön, dich wieder zu gesehen zu haben.

  2. gutti on

    fleißige Handwerker/innen 😉

  3. tolu on

    In Salisbury gibt es ein Diorama von der Errichtung der Kathedrale. Als kleines Schleppdach lehnt sich die Bauhütte an die erste stolze Mauer an. Darunter stehen staubbedeckt die Steinmetze, davor liegt ein weites Feld von Felsbrocken, die – von zahllosen Helfern aus allen Himmelsrichtungen angekarrt – geduldig darauf warten, Kathedrale zu werden.


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