Ein etwas anderer Bericht…

Guten Tag,
ich möchte heute mal meine bescheidene Stimme erheben und auch etwas zur Winterbauhütte sagen. Normalerweise hört man mich nämlich nur knallen, und zwar durch die halbe Burg. Unabhängig von der Veranstaltung.
Mein gewöhnlicher Aufenthaltsort ist die sogenannte Klönecke, aber mit Klönschnack ist da nicht viel zu wollen, denn meist dreht sich alles um mich (und in mir). Ich darf wohl annehmen, dass ich mich allgemeiner Beliebtheit erfreue.
Dass die Bauhütte schon vor dem Wochenende begann, dürfte hinlänglich bekannt sein. Viele beschäftigte Leute rannten an mir vorbei, doch einige machten auch Halt, um sich mit meiner Wenigkeit zu befassen. Zwei von ihnen sind besonders eifrig: die Architektin M. und die Buchwissenschaftlerin a. Sie haben sich in den Kopf gesetzt, den Bauingenieur G. zu besiegen. Die zuschauende K. meint dazu, dass sie wohl noch ordentlich üben müssten, doch die beiden jungen Damen sind sich sicher, gegen den „wie ein Mädchen“ spielenden G. gute Chancen zu haben.

Am Freitagabend wird es langsam voll auf der Burg. Aus dem Speisesaal klingt Musik. Die Architektin M. spricht kurz über die vorzunehmende farbliche Neugestaltung meiner Umgebung, dann wendet sie sich auch schon wieder meinen Griffen zu. Währenddessen überlegt die bezopfte K., wie mit zwei kleinen Löchern in der Wand umzugehen sei. Sie verschwindet in den Tiefen der Burg und kehrt mit Spachtel und einem Eimer weißen Pulvers zurück. Doch statt die Löcher zu schließen, prokelt sie darin herum und macht schließlich die ganze Wand kaputt. Zu allem Überfluss hilft ihr dabei auch noch die Buchwissenschaftlerin a. Es ist beleidigend, wie sie mich nicht nur hinter sich liegen lassen, sondern auch noch meinen Wohnraum verschandeln. Zu meiner Befriedigung taucht schon bald der Bauingenieur G. auf, der nicht nur ihr Zerstörungswerk tadelt, sondern sich mir sogar freundschaftlich zuwendet. Doch leider lässt das ersehnte Duell auf sich warten, da seine Gegnerinnen anderweitig beschäftigt sind. Scheinbar werden nun die destruktiven Elemente vom schlechten Gewissen gepackt, und sie versuchen, die verschandelte Wand hinter einer Schicht Gipsputz zu verstecken. Lächerlich.

Am Samstag fällt erneut eine Horde arbeitswütiger Halstuchträger bei mir ein, und ich versinke in einem Gewusel aus raschelnder Folie, nassen Pinseln und Eimern voll ekler Soße. Was für Zustände. Im Laufe des Tages verwandelt sich meine Missgunst jedoch in Staunen: diese Leute haben gewaltig was auf dem Kasten und bedecken nicht nur die am Vorabend so hässlich gewordene Wand gleichmäßig mit schöner Farbe, sie streichen den ganzen Raum in sehr angenehmen Tönen. Und als ich sie fertig wähne, geben sie dennoch keine Ruhe und bringen noch eine reizende Bordüre an. Ich bin außer mir. In dieses Raumes Mitte stehend komme ich ja viel besser zur Geltung.
Der Abend nimmt seinen Lauf, und unter den Bauhelfern macht sich eine erschöpfte, doch erwartungsfrohe Stimmung breit, fast wie zu Weihnachten vor der Bescherung. Ich finde das Warten unnötig und möchte vorschlagen, sich mit mir zu beschäftigen… ah, da sind sie ja schon, die langersehnten Duellanten. Rasch beziehen sie Stellung, auf der einen Seite die adrett frisierten und gekleideten Damen M. und a. und ihnen gegenüber der frisch gescheitelte G. Letzterer schlägt sich äußerst tapfer, doch gegen vier weibliche Hände kann er letztendlich nicht den Sieg davontragen. Alles in allem kein sehr spektakuläres Turnier. Spät in der Nacht jedoch erfährt diese erbitterte Gegnerschaft eine interessante Wendung, indem der Barett tragende H. dem bisher allein kämpfenden G. zur Seite springt und die Gegnerinnen durch geistreiche Sprüche und geschickte Spielweise zermürbt. Waren das Publikum (beliebige Buchstaben) und der selbsternannte Trainer T. bisher deutlich auf der Seite der Damen, schienen die Neigungen, welcher Seite der Sieg zu wünschen sei, nun unentschlossen, denn als Spieleinsatz wurde der künftige Studienort der jungen und im übrigen schon den ganzen Tag sprachlosen Buchwissenschaftlerin vorgeschlagen. Das Ergebnis der Partie war eindeutig und für die Damen niederschmetternd. Die Akzeptanz der von der Männerseite gestellten Bedingungen vorausgesetzt, wird die tapfere a. bei nächster Gelegenheit in eine traditionsreiche südniedersächsische Stadt in Burg- und damit auch meine –nähe ziehen. Vermutlich ist aus ebendiesen Gründen auch ihre Mitstreiterin M. über die gemeinsame Niederlage nicht allzu enttäuscht.
Nun werte Leser, Ihr seht was passiert, wenn man (wie ich) nur selten das Wort ergreift: aus ein paar kurzen Episoden wird eine lange Geschichte. Es war mir daher eine besondere Ehre und ein unvergleichliches Vergnügen, Euch meine Sicht der Dinge und dieses ereignisreichen Bauwochenendes schildern zu können. Schade nur, dass einige meiner Männer immer noch kopflos sind.

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5 comments so far

  1. Gunthard on

    10 : 0!

    Fräulein A., das Orakel hat sehr klar entschieden!

  2. Eva on

    Wie? wer kann denn da so schön schreiben? Den würde ich gerne kennen lernen.

  3. Frollein A on

    Ausnahmen bestätigen die Regel!

    Herr G., die Revanche ruft!

    • Gunthard on

      Kein Problem – bald hast Du es ja nicht mehr weit!
      Sind die Taschen für den Umzug schon gepackt?

  4. Hauke on

    Schließe mich Meister G. an – das Orakel hat 10:0 entschieden!
    Auf Wiedersehen im schönen G.!


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