Düsseldorf der 25.03.12 oder Momentaufnahme einer Gänseblümchenwiese

Genüsslich drehe ich mich nochmal um. In Rückenlage ist das Licht greller, doch das stört mich nicht. Wohlig strecke ich alle Viere von mir, lockere die verschlafenen Glieder.
Angenehm fühlt sich das alles an, warm ist es und der Untergrund weich. Nur wiederwillig öffne ich die Augen, blinzele ein paar Mal der Sonne entgegen und setze mich auf. Ein friedlicher Wind weht durch die feinen Haare im Nacken, lässt sie tanzen und kitzelt hinter den Ohren.
Gähnend fahre ich mit der Hand über die , von der nachmittäglichen Sonne beschienene, Fließdecke unter mir, spüre die kleinen Hügel die das Gras darunter bildet und fange dann an ein paar platt gewalzte Blätter und Halme von meinen Füßen zu schälen.

Langsam fühle ich mich wieder wach und lasse meinen Blick gedankenverloren durch die Gegend streifen. Zu meinen Füßen treibt ein länglicher Graben und teilt den Park in zwei Hälften, in deren Mitte sich am einen Ende majestätisch das Benrather Schloß gegen den wolkenlosen , azurnen Himmel erhebt. Die angrenzenden Baumreihen hinter dem Wiesen machen aus dem ganzen Gebilde so etwas wie eine breite Allee zu deren Seiten links und rechts Menschen flanieren, sich gegenseitig ausführen oder, in der frühsommerlichen Sonne aalend, im Gras liegen. Hie und da läuft mal ein Hund vorbei, beschnuppert die Taschen der Rastenden und was er sonst noch alles so in dem kleinen Universum findet, dass die Wiesen grade in diesem einen Augenblick für ihn bilden.
Ein paar Kinder laufen Hand an Hand mit ihren Eltern oder rennen abenteuerlustig vorraus. Es ist ein amüsantes Spiel, zu beobachten, wie gleich eine ganze Horde von Erwachsenen anfängt zu rennen und wie wild mit den Armen zu fuchteln, wenn einer ihrer winzigen Schützlinge auch nur in die nähe des verführerisch glitzernden Wassers läuft.
Hintendrein ganz gemütlich und stiller die Damen und Herrschaften der älteren Generationen – mit Hut!
Am Ende des Weges tragen zwei blaue Gesetzeshüter eine tote Ente durch die Gegend – sie war wohl lebensmüde –aber wie wollen die Romantik ja nicht stören.
Alles in allem eine vor Leben sprühende Idylle. Man redet, man lacht, diskutiert und lacht dann wieder. In den noch recht kahlen Ästen der knorrigen Bäume säuselt das aufblühende Leben, Vögel geben ihren schönsten Sang zum besten, in der Hoffnung ihre Nester nicht leer zu bauen und die ersten Insekten üben den Hummelflug.

Und ich? Ich genieße den Augenblick, lasse mich durch den Moment treiben und versuche jedes bisschen dieser glückseeligen Szenerie in mir auf zu saugen.
Ich habe Zeit …
Und was tun damit?
Bis zu meinem Studium muss ich wohl oder übel noch ein paar Monate warten und wie als Ausgleich für eben dieses leidige und unverhoffte warten winkt die Freiheit eines ganzen Sommers!

Aber – undankbar wie solche Augenblicke sind, meldet sich just in diesem Moment mein innerer Dr. Freud. Darf ich vorstellen: Analytiker, Leitung des inneren Monologs und manchmal leider auch Spielverderber.
Frei nach dem Motto „Sie lächeln so, was verdrängen Sie?“ stellt er mich auf die Probe und schon habe ich eine unfreiwillige Audienz.
Verwirrt schalte ich in den Verteidigungsmodus: „Mir Geht’s doch prima!“ entgegne ich und merke, dass ich das ausversehen laut gesagt habe. Irritiert dreht sich ein junger Mann ganz in meine Nähe um – schnell schaue ich unbeteiligt weg!
„Es läuft doch alles recht gut.“ Wiederhole ich innerlich und versuche möglichst arglos aus zu sehen. In meinem Magen rumort etwas. Das es mir nicht schlecht gehe möchte er gar nicht bezweifeln, aber ob ich damit denn so jetzt zufrieden sei wolle er wissen und ob es nicht noch die Möglichkeit einer Optimierung gäbe.
Verständig lächel ich auf – Ein STÜCK KUCHEN!!!
Mitleidig lässt er mich weiter grübeln.
Ich bin irritiert. Ein Stück Kuchen zur Nachmittagszeit ist doch ein wahres Vergnügen. Eine Angewohnheit aus dem letzten Jahr …
Langsam dämmert mir was!
Im Magen schon wieder eine Bewegung.
Ungeachtet meiner still schleichenden Erkenntnis gibt er mir eine Richtung vor: „Sie haben Torschlußpanik!“
GONG!!!
Das kam wie ein Schlag ins Gesicht. Kurz muss ich mich sammeln, dann lache ich auf: „ Ich bin 21, ICH habe doch keine Torschlußpanik!!!“
Uups, auch das war wieder laut. Nun drehen sich auch noch andere Personen um und ich versuche tunlichst die Farbe des Grases an zu nehmen , was sich aber jedoch als verräterisch komplementäres Rot entpuppt.
Gütig milde lächelt der Professor meiner Torheit und lässt mich wieder alleine. Ein letztes Mal rumpelt es im Magen, dann ist es still, jetzt gibt mein Kopf den Ton an.

Tatsächlich war der Kuchen doch kein schlechter Ansatz. Diese nachmittägliche Gewohnheit kommt von der Burg –meiner Burg – Goldenen Stunden in Grün der drei Linden, vor dem langsam aber stetig wachsenden Panorama der Baustelle oder verfrorene Winterabende in den unbeheizten Ecken des Speisesaals, die allein durch die Anwesenheit einmalig guter Menschen zu einem unvergesslichen Erlebnis wurden.
Ich schwelge …
Laut lasse ich ein Seufzen los, die Leute drum herum sind mit mittlerweile egal.

Bald wolle sie dort oben die Einweihung feiern. Alles geht in den Endspurt und das gerade jetzt wo ich noch etwas Zeit habe.
Plötzlich fühle ich mich sehr fehl am Platz. Was mache ich hier? Es ist immer noch alles da, das Wasser, die Vögel, die Menschen, das Schloß, nur ich bin nicht mehr so richtig da und da wo ich bin nicht mehr so richtig. Mein Freund Freud hatte Recht, ich habe wirklich Torschlußpanik. Ich möchte zurück, möchte wieder bauen, das Haus – nein, MEIN Haus – fertigstellen. Die wichtigen Augenblicke miterleben, wenn die letzte Schraube eingedreht, die letzte Wand gestrichen und schlußendlich vielleicht auch das letzte Fenster vom Baustaub befreit wird, der dann nur noch eine Erinnerun ist. Ich will sehen, wie das Kind die ersten Schritte alleine macht!

Und Mensch, ja!! Ich kann doch! Ich will doch und ich kann doch!! Und ich werde!!
Jetzt sitze ich ganz aufrecht. Zähle die bindenden Verpflichtungen der nächsten Tage. „Drei Wochen“ flüster ich mir selber zu und kann mein Lächeln und das warme Gefühl, dass sich nun zwischen den Rippen breit macht, nicht mehr unterdrücken. Drei Wochen, dann geht es los, dann geht’s endlich weiter.

Glucksend lasse ich mich zurück auf die Decke und ins Gras fallen. Ich atme tief ein, lausche den Menschen um mich herum. Irgendwo plätschert einer im Wasser, die Vögel zwitschern und die Sonne verbreitet noch immer eine angenehm tiefe wärme.
Erleichtert lass ich mich nun von meinen Gedanken treiben. Nur kurz taucht nochmal mein innerer Dr. Freud auf, blickt mich über die Ränder seiner dicken Brillengläser an und nickt wohlwollend friedlich.
Ein Knoten platzt, nur noch drei Wochen …

Papagena

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8 comments so far

  1. Gerhild on

    Mensch, Meechen, wieso denn noch drei Wochen? Denn sehn wa uns ja jar nich!

  2. Eva on

    Herzlich willkommen, bis bald auf der Burg

  3. Ente on

    Ein wirklich sehr schön geschriebener Text, Papagena! Er gefällt mir sehr! Da riecht man förmlich das Gras und spürt die Sonne im Nacken.

  4. katja on

    ich bin dabei! ich komme auch! nur noch eine kleine osterfahrt…
    ichfreumichichfreumichichfreumich!!!

  5. doris on

    wenn ich darf, bin ich auch dabei!!!

  6. Christian on

    Was für eine schöner Text…wunderbar…

  7. Papagena on

    … Wow, ich bin überwältigt!! Vielen Dank!!! =)

  8. freudefinder on

    hab ich wirklich mit Genuss gelesen und nachvollzogen – ja, so läuft das wenn man dem inneren Ratgeber lauscht – herrlich. Ganz viel Spaß und Glücksmomente im Bauch und zu Ostern ein jubelndes Halleluja im Herzen.


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