Zum ersten und zum letzten Mal

Nach drei Winterbauhütten und ungezählten „Enno“-Bauwochenenden und -tagen erlebte ich  endlich, da die geplante Großfahrt ins Wasser fiel und ich somit zum richtigen Zeitpunkt im Lande war, meine erste Sommerbauhütte auf der Burg – mal ganz etwas anderes!
Als wesentlich anders als gewohnt erwies es sich dann allerdings doch nicht. Abgesehen von ein paar neuen Türen für den Seitenbau waren sowieso alle Einsätze im und am Enno, und so fühlte es sich wie ein ganz normales, gut besuchtes Bauwochenende an – und doch war es in mancher Hinsicht auch wieder besonders.
Ich selbst erlebte erstmals mit voller Wucht, wie es ist, im praktischen Teil so ziemlich zu versagen. Das Schrubben des Wehrgangs mit Schlumpf zwecks Entfernen von Markierungslinien war noch erfolgreich, doch bei meiner eigentlichen Aufgabe, dem Streichen von metallenen Türzargen mit Lackfarbe, produzierte ich mein erstes echtes „Desaster“ (wörtliches Zitat kafe!).
Merkwürdigerweise nahm mich das gar nicht so schwer mit, denn schließlich war man umgeben von lauter vertrauten, lieben Menschen. Tatsächlich hatten sich bei der Sommerbauhütte so ziemlich all jene eingefunden, mit denen noch einmal bauen zu dürfen ich gehofft hatte.
Ein ganzer Trupp betätigte sich, mit Schutzbrille sehr wichtig und in der Masse dennoch ein wenig nach „Strafkolonne“ aussehend, als Steinklopfer und brachte die Bepflasterung ums Gebäude enorm voran. Unbegreiflicherweise schwitzten die meisten ziemlich und bekamen Krämpfe in den Händen, obwohl es doch kinderleicht war, das konnte man deutlich sehen, wenn Steinmetzgeselle Michel es vormachte!
Katja hatte mal wieder einen Sonderauftrag: sie durfte zuerst Farbe mischen und dann die unzähligen Macken an den Innen- und Außenwänden ausbessern, wofür sie natürlich am besten qualifiziert war. Tüdel, alpi und prof bauten noch eine Innenwand, und Stephan Sommerfeld gab sich und der Jubi die Ehre, mit der Flex die Sockel der X-Stützen abzuschleifen. Die eigentlichen Gebäudesockel strich ein Heer von Kinderarbeitern unter Papagenas Leitung dunkelgrau und wirkte dabei ziemlich vergnügt.
Daß das Thema Kinderarbeit auch wesentlich weniger erfreuliche Auswüchse haben kann, brachte uns Erwin am Abend im Rahmen seiner zwei Stunden dauernden, aber kein bißchen ermüdenden Ringvorlesung äußerst anschaulich am Beispiel Indiens vor Augen.
All jene, die keine Lust gehabt hatten, das leckere Grillgut, welches fleißige Helfer noch schnell zwischen Arbeitsschluß und Ringvorlesung auf die Glut geworfen hatten, hinunterzuschlingen, gingen derweil schon in den geselligen Teil des Abends über. An einer langen von Kerzen romantisch erleuchteten Tafel saß man auf der Werrabühne unterm Sternenhimmel, erzählte, lachte und sang und bestaunte die in dieser Nacht besonders zahlreich niederfallenden Sternschnuppen. Die Stimmung war so gelöst und heiter, daß sie einen tiefen Frieden in meinem Inneren hervorrief sowie Freude darüber, der Gemeinschaft dieser prächtigen Menschen anzugehören.
Im Laufe des Sonntagvormittags konnten viele Arbeiten beendet werden, doch wenngleich die Leitung sich mit dem Geleisteten zufrieden zeigte, wurde für mich sehr deutlich, daß „nach dem Bauen“ irgendwie immer auch „vor dem Bauen“ ist.
Insofern formuliere ich mal vorsichtig, daß meine erste Sommerbauhütte gleichzeitig auch mein letzter Baueinsatz am Enno – vor der Einweihung! –  war.

Gerhild Drescher

zu den → Fotos

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